Bildbearbeitung

Kostenlos statt Abo: Canva will mit Affinity den Designmarkt umkrempeln

Affinity ist jetzt kostenlos und Teil des Canva-Imperiums. Ist damit Adobes Herrschaft über den Designmarkt beendet?

Canva hat seine professionelle Bildbearbeitungssoftware Affinity vor kurzem kostenlos gemacht und greift damit Marktführer Adobe an. Zwei Wochen nach dem Launch der neuen “Creative OS” verzeichnete das australische Unternehmen bereits über 2 Millionen Downloads. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber der bisherigen Nutzerbasis von 5 Millionen zahlenden Kunden.

Die wesentliche Änderung liegt in der Integration. Affinity vereint drei frühere Einzelanwendungen (Affinity Photo für Bildbearbeitung, Affinity Designer für Vektordesign und Affinity Publisher für Seitenlayout) in einer Anwendung. Nutzer können zwischen Pixel-, Vektor- und Layoutbearbeitung wechseln, ohne das Programm zu verlassen.

Ich hatte die Gelegenheit, ein kurzes Interview mit Duncan Clark, dem EMEA-Chef von Canva und ehemaliger Gründer des von Canva übernommenen Datenvisualisierungs-Startups Flourish, zu führen. Er bezeichnet die Drei-in-eins-Software als großen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: “Das ist eine wichtige architektonische Innovation in diesem Bereich, auf die schon lange gewartet wurde.” Konkurrenzprodukte seien separat entwickelt worden, weshalb eine nachträgliche Integration “fast unmöglich” sei.

Bild: Amber Pollack Photography/Canva

Affinity soll der kostenlose Design-Standard werden

“Wir sehen das nicht als Plattform, die wir einzeln monetarisieren müssen”, erklärt Clark die Geschäftsstrategie. “Es ist kommerziell viel klüger für uns, wenn dies einfach zum neuen Standard wird.” Canva verspricht, Affinity dauerhaft kostenlos zu halten, um Vertrauen zu schaffen.

Die Entscheidung folgt einer bewussten Strategie. Canva hatte Nutzer professioneller Tools befragt und Beschwerden über mangelnde Innovation, steigende Preise und fehlende Alternativen erhalten. Kritisiert wurde besonders die Abhängigkeit von Abonnements selbst zum Öffnen bereits erstellter Arbeiten.

Adobe nimmt Clark nicht wörtlich in den Mund, aber es sollte klar sein, mit wem man sich hier messen möchte. Danach gefragt, sagt er: “Wir denken viel mehr über unsere Community nach als über Konkurrenten.” Diese Philosophie bestimme die Produktentwicklung. Statt Wettbewerber zu beobachten, entwickelt Canva Features basierend auf Nutzerfeedback.

“Kompromisslos ein Experten-Tool”

Das Unternehmen hält an seiner Mission fest, “die Welt zum Designen zu befähigen”, und erweitert diese schrittweise nach Nutzerwünschen. Funktionen wie Präsentationen, Whiteboards oder das Werbe-Tool “Canva Grow” entstanden durch direkte Anfragen der Community, nicht durch Konkurrenzbeobachtung.

Während Canvas Hauptplattform auf einfache Bedienung für Design-Laien setzt, richtet sich Affinity an Experten. “Das ist kompromisslos ein Experten-Tool”, sagt Clark. Die unterschiedlichen Zielgruppen rechtfertigten separate Marken: eine Cloud-Anwendung für schnelle Designs versus eine Desktop-Software für komplexe Bearbeitung großer Dateien.

Diese Strategie erweitert Canvas Zielgruppe auf professionelle Anwender. “Im ersten Jahrzehnt hat sich Canva darauf konzentriert, Design für Nicht-Experten neu zu erfinden, und jetzt machen wir das auch für Experten”, so Clark.

KI als Fundament für das Creative OS

Canva nutzt ein dreistufiges KI-System. Eigene Modelle umfassen einen Bildgenerator (entwickelt mit dem übernommenen Unternehmen Leonardo) und ein Design-Modell, das aus Canvas Template-Bibliothek lernt. “Bisherige visuelle KI-Tools produzierten nur flache Bilder. Wir wollten ein Grundmodell schaffen, das aus Canvas umfangreicher Template-Bibliothek lernt, wie Design tatsächlich funktioniert“, erklärt Clark.

Ergänzt wird dies durch Drittanbieter-Integrationen wie ChatGPT für Textbearbeitung und ein App-Ökosystem für zusätzliche Funktionen. Bei der Datennutzung für KI-Training betont Clark: “Wir würden niemals Nutzerdaten ohne ausdrückliche Zustimmung verwenden.” Stattdessen nutzt Canva Templates seiner Designer-Community, die dafür Lizenzgebühren erhalten.

Deutschland im Fokus

Deutschland gehört zu Canvas am schnellsten wachsenden Märkten weltweit. “Deutsche nehmen KI-Technologie wirklich gut an, und Canva ist der einfachste Weg, KI für visuelle Kommunikation einzusetzen”, begründet Clark das Wachstum.

Bereits vor der Übernahme war Deutschland Affinitys zweitgrößter Markt. Als Reaktion auf deutsche Kundenwünsche führt Canva nun Datenresidenz in Europa ein. Deutschland gehört zu den ersten Ländern mit dieser DSGVO-konformen Option. Zusätzlich stellt das Unternehmen einen Deutschland-Manager ein und startet nächste Woche seine erste deutsche Werbekampagne.

Neue Features und Teamausbau

Canva plant den Ausbau der Affinity-Entwicklung. “Wir werden das Team, das an Affinity arbeitet, erweitern. Das ist kein Rückbau, sondern eine Expansion”, sagt Clark. Bereits die aktuelle Version enthalte neue Funktionen, die die Community gefordert hatte.

Ein Beispiel ist Vector Trace, eine Funktion zur Umwandlung von Bildern in Vektorgrafiken. “Selbst in dem Tool, das wir vor zwei Wochen veröffentlicht haben, finden Sie eine ganze Reihe wirklich wichtiger und aufregender Features, von denen uns die Community sagte, dass sie sie sehen müssen”, erklärt Clark. Die Funktion sei jetzt kostenlos als Teil des Editors verfügbar.

Weitere Features sollen folgen: “Wir werden mehr und mehr Funktionen in das Programm einbauen. Wir sehen das als große Chance, von der professionellen Designer-Community zu lernen, was sie sehen müssen und wollen, und das gemeinsam mit ihnen zu entwickeln.” Nutzeranfragen nach Linux- oder Android-Versionen werden geprüft, konkrete Zusagen gibt es jedoch nicht.

Mein Fazit: Kann Canva Adobe vom Thron stoßen?

Canva ist für viele Leute vermutlich gleichbedeutend mit einem Tool, um mal schnell Social-Media-Grafiken zusammenzuschustern. Doch die web-basierte Software hat ihren Funktionsumfang über die letzten Jahre konsequent erweitert und damit Konkurrenten aus ganz unterschiedlichen Bereichen die Kundschaft weggegraben: Schüler bauen mit Canva statt PowerPoint Präsentationen für den Unterricht, Geschäfte klicken sich dort ihre Webseiten statt auf Squarespace oder Wix, Content Creator schneiden ihre Videos mit Canva statt mit CapCut und sogar Newsletter, Tabellen oder Whiteboards lassen sich mit der Suite erstellen und komfortabel kollaborativ über die Cloud bearbeiten.

Währenddessen hat Adobe hart daran gearbeitet, seinen ohnehin schon nicht allerbesten Ruf kontinuierlich zu verschlechtern, angefangen mit den Kosten bei vorzeitiger Kündigung bis hin zum Umgang mit Nutzerdaten. Aus Canvas Perspektive war das in meinen Augen daher ein absolut logischer Schritt, sich Affinity einzuverleiben und als sicheren Hafen für enttäuschte Adobe-Kunden zu positionieren.

Die Verlierer sind bis jetzt nur leider diejenigen, die sich das alte Affinity als eine der letzten wirklich kauf- statt nur abonnierbaren Optionen im Editing-Geschäft zugelegt haben. Wenn ihr neue Features haben wollt, seid ihr gezwungen, euch zu registrieren, und ich kann mir vorstellen, dass das einigen Traditionalisten nicht gefallen wird. Wenn die Alternative aber heißt, sich von Adobe zur Kasse bitten zu lassen, können wir darüber vielleicht hinwegsehen. Ich glaube, Canva ist auf einem guten Weg an die Spitze, und bleibe vorsichtig optimistisch, dass sie ihre Macht nicht ausnutzen.

Jetzt bin ich auf eure Meinung in den Kommentaren gespannt: Was haltet ihr vom neuen Affinity? Habt ihr es schon ausprobiert? Oder nutzt ihr vielleicht sogar noch die alte Version?

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A.B.84

Ein großes Risiko der Freemium-Variante ist (eigene Erfahrung), dass man evtl. bestimmte Routinen damit aufbaut und ein oder mehrere dafür nötige Features plötzlich über Nacht in die Bezahl-Variante wandern oder sie werden aufgepeppt und landen dadurch im Abo-Modell. Da bleibt ja wie “versprochen” das Grundprogramm kostenlos, aber man kann sich nie wirklich darauf verlassen, dass das Feature-Set so zugänglich bleibt wie es bei der Installation war. Dann muss man ins Abo, ob man will oder nicht, oder man muss die Kosten aufwenden, die Routine neu zu entwickeln. Dessen muss man sich einfach bewusst sein.

Uneternal
  1. Ich würds ja gern benutzen, wenn es nicht so verbuggt wäre. Wenn ich ne Canon RAW öffne und reinzoome, friert es mir den kompletten PC ein. Als Lösung kann man nur GPU-Unterstützung abschalten und hat dann Leistungseinbußen.
  2. Keine brauchbaren Profile für Canon Kameras. Wenn ich ein RAW öffne sieht das schlimmer aus als bei RAWTherapee oder Darktable – einfach furchtbare Farben. Ich habe keine Lust erstmal 10 Minuten an allen Reglern rumzudrehen für einen halbwegs anständigen Startpunkt zu finden.
  3. Ich denke über kurz oder lang werden immer mehr Funktionen hinter der Bezahlwand verschwinden, sobald genug Leute das benutzen. Selbes Prinzip wie bei Canva. Diese Kostenlos-Masche ist nur Bauernfang.

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