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Meinung: Panasonic verpasst mit der Lumix S9 eine große Chance

Meinung: Die Panasonic Lumix S9 ist eine positive Überraschung, hätte aber mit überschaubarem Aufwand deutlich interessanter sein können.

Wenn ich in der Überschrift dieses Artikels von einer verpassten Chance spreche, dann könnte das suggerieren, dass ich die Lumix S9 für eine schlechte Kamera halte. Tatsächlich ist das nicht der Fall – im Gegenteil. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ich glaube, dass sich die Lumix S9 gut verkaufen und vielleicht sogar ein richtiger Erfolg für Panasonic werden wird, denn der Hersteller macht hier in meinen Augen vieles richtig.

Grundkonzept und Zielgruppe der Lumix S9

Das fängt beim grundsätzlichen Konzept der Kamera an. Panasonic kombiniert ein kompaktes Gehäuse mit einem schlichten und eleganten Design, setzt aber gleichzeitig auch auf außergewöhnliche Farbvarianten, um der Kamera ein frisches Aussehen zu verleihen. Zu Teilen kopiert Panasonic also das Erfolgsrezept der Fuji X100VI, Nikon Z f und Nikon Z fc. Ich glaube, dass das genau die Art von Kamera ist, die gerade angesagt ist, vor allem bei der jüngeren Zielgruppe.

Zielgruppe – da wären wir dann auch direkt bei der Frage, für wen die S9 denn eigentlich gedacht ist. Wenn ich mir die ganze Marketing-Kampagne rund um die Lumix S9 und die Produktseite bei Panasonic anschaue, dann wird schnell deutlich, wen der Hersteller mit dieser Kamera ansprechen möchte. Ganz oben auf der Produktseite wird die S9 groß als “moderner Begleiter zum immer dabei haben” beschrieben. Im Bereich der Funktionen wird anschließend als erstes der Punkt “Fotos und Videos für Social Media optimieren” genannt, dabei werden insbesondere kompakte Abmessungen, großer Sensor, hochauflösende Videos und flexible Ausschnittswahl (Open Gate) in den Vordergrund gestellt. Anschließend werden Handheld-Videos (IBIS), die Echtzeit-LUTs und die neue Lumix Lab App thematisiert.

Panasonic sieht die Lumix S9 also unter anderem als eine Kamera für Nutzer, die Inhalte für Social Media erstellen möchten. Natürlich soll die S9 auch andere Zielgruppen ansprechen, doch das scheint gewissermaßen die “Primär-Zielgruppe” zu sein. Und hier hat Panasonic in meinen Augen auch verdammt viel richtig gemacht.

Die Sache mit den Echtzeit-LUTs, einem LUT-Button auf der Kamera und der neuen Lumix Lab App könnte mittelfristig ein wichtiges Kaufargument für Kameras wie die Lumix S9 werden. Fujifilm hat der X-T50 nicht ohne Grund ein eigenes Einstellrad für Filmsimulationen verpasst. Die Leute (nicht alle, aber einige) wollen unkompliziert und ohne Nachbearbeitung den Look ihrer Fotos und Videos beeinflussen können. Panasonic wird sicherlich einige Kinderkrankheiten der neuen App ausmerzen müssen, aber das grundsätzliche Prinzip (auch für das schnelle Teilen auf Social Media) finde ich klasse. Open Gate ist ein weiteres starkes Argument, das bei der anvisierten Zielgruppe Anklang finden dürfte.

Diese Stärken kristallisieren sich heraus

Ich würde also folgende Stärken der Panasonic Lumix S9 hervorheben wollen:

  • Kompaktes Gehäuse, schönes Design, frische Farben
  • Deutliches Upgrade zum Smartphone durch Vollformatsensor, 5-Achsen-Bildstabilisator und erstklassigen Autofokus
  • Mit LUTs ohne große Nachbearbeitung den Look der eigenen Fotos und Videos bestimmen
  • Bei Videos Flexibilität dank Open Gate
  • Unkompliziertes Teilen der Inhalte über die neue Lumix Lab App

Diese Stärken machen die Panasonic Lumix S9 für mich zu einer positiven Überraschung – auch, weil vor einigen Wochen diese Kamera noch niemand auf dem Schirm hatte.

Panasonic hätte eine deutlich größere Zielgruppe ansprechen können

Wer Fotos und Videos für Social Media optimieren möchte, scheint mit der Lumix S9 also bestens bedient zu sein. Das grundsätzliche Problem, das ich bei der Kamera sehe, ist die Tatsache, dass die Zielgruppe, für die die Lumix S9 am Ende wirklich interessant ist, zu klein ist. Das grundsätzliche Konzept der Kamera (kompakte und vergleichsweise günstige Vollformatkamera für unterwegs) dürfte zwar für viele interessant sein, doch es gibt für die “Sekundär-Zielgruppe” einfach zu viele Nachteile und Deal-Breaker.

1. Kein elektronischer Sucher, kein Hot Shoe

Ich weiß, da bin ich vermutlich in der Unterzahl, doch ich finde die Entscheidung, auf einen integrierten EVF zu verzichten, tatsächlich gut. Das macht die Kamera kompakter und günstiger und hebt sie auch ein bisschen von anderen Modellen ab.

Doch warum bietet Panasonic für die S9 nicht einfach einen optionalen Aufstecksucher an, wie Canon das beispielsweise bei der EOS M6 Mark II gemacht hat? Warum gibt es noch nicht einmal einen Hot Shoe, damit die technische Grundvoraussetzung für einen Blitz oder einen externen EVF gegeben wäre? Ein optionaler Aufstecksucher wäre in meinen Augen das beste aus beiden Welten und ein guter Kompromiss gewesen. Von mir aus hätten sie da auch eine Entwicklungsankündigung machen können, dann kommt das Ding eben erst zu einem späteren Zeitpunkt auf den Markt, ist doch egal.

2. Kein mechanischer Verschluss

Ein weiterer Nachteil der Panasonic Lumix S9 ist der fehlende mechanische Verschluss, der ohne einen Stacked-Sensor natürlich in bestimmten Situationen zu einem sichtbaren Rolling-Shutter-Effekt führen wird. Panasonic hat glaube ich gesagt, dass sie aus Platzgründen darauf verzichtet haben. Ich kann nicht beurteilen, wie viel größer die Kamera mit mechanischem Verschluss geworden wäre. Es wäre natürlich schön gewesen, wenn Panasonic den mechanischen Verschluss noch irgendwie hätte unterbringen können, in meinen Augen fällt dieser Nachteil aber nicht so sehr ins Gewicht wie der fehlende EVF bzw. der fehlende Hot Shoe. Sport und Action will ich mit der S9 sowieso nicht fotografieren und im Zweifelsfall hab ich halt irgendwo mal einen Rolling-Shutter-Effekt – ich werd’s überleben. Für anspruchsvolle Fotos und Videos, Auftragsarbeiten etc. würde ich die Lumix S9 sowieso nicht verwenden.

3. Kein Kopfhörerausgang, keine Adapter-Lösung

Dass den kompakten Abmessungen auch ein Kopfhörerausgang zum Opfer fällt, ist wenig verwunderlich. Aber warum – und das ist für mich fast am unverständlichsten – ist es denn nicht möglich, wie bei anderen Kameras auch einen USB-C-Adapter zu verwenden, über den dann eben doch Kopfhörer angeschlossen werden können? (Quelle: PetaPixel) Zumindest manche Nutzer, die etwas professionellere Videos erstellen möchten, wollen eben auch gelegentlich Kopfhörer zur Audiokontrolle verwenden. Mit der S9 ist das nicht möglich. Das ist in meinen Augen ein besonders ärgerlicher Deal-Breaker, da die Lösung über einen USB-C-Adapter aus technischer Sicht doch problemlos möglich sein sollte. Hoffentlich wird es da noch ein entsprechendes Firmwareupdate geben.

Die eingeschränkten Video-Aufnahmezeiten aufgrund großer Hitzeentwicklung in dem kompakten Gehäuse kann ich im Übrigen wesentlich besser akzeptieren, da man hier – anders als beim Hot Shoe oder der USB-C-Adapter-Geschichte – die Gründe besser nachvollziehen kann.

4. Zu wenige kompakte Objektive

Eine kompakte Kamera nützt dir nichts, wenn keine ausreichende Anzahl an kompakten Objektiven zur Verfügung steht. Man könnte in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob die Panasonic S9 nicht vielleicht als Micro-Four-Thirds-Kamera mehr Sinn gemacht hätte, doch das wäre vermutlich ein Thema für einen separaten Artikeln.

Auf mich wirkt es so, als ob Panasonic die Lumix S9 so schnell wie möglich auf den Markt bringen und auf die Schnelle noch eine Pancake-Festbrennweite aus dem Hut zaubern wollte. Sagen wir es mal so wie es ist: Das Panasonic 26mm Pancake ohne Autofokus und mit nicht variabler Blende von f/8 zur unverbindlichen Preisempfehlung von 239 Euro ist ein schlechter Scherz. Der Preis von 99 Euro, der im Zuge der Lumix S9 Einführungsaktion aufgerufen wird, ist hingegen okay. Trotzdem wirkt das 26mm f/8 wie eine schnelle Notlösung, um einfach irgendwas zu haben.

Die Kombination mit dem 26mm Pancake ist zwar kompakt, das Objektiv an sich ist allerdings eine Enttäuschung.

Es ist vollkommen klar, dass es Zeit braucht, um gute Objektive zu entwickeln. Das kompakte 18-40mm f/4.5-6.3 für Ende 2024 ist bereits angekündigt. Wenn 2025 dann noch 1-2 richtige Pancake-Objektive mit akzeptabler Lichtstärke folgen würden, würde das auch die Attraktivität der Lumix S9 steigern. Im Moment fehlen diese Objektive aber noch, entsprechende Ankündigungen gibt es ebenfalls nicht.

5. Aktuell (noch) ein zu hoher Preis

Abschließend noch ein paar Worte zum Preis. Die unverbindliche Preisempfehlung der Lumix S9 finde ich persönlich mit 1.699 Euro etwas hoch angesetzt. Wie auch bei der Fujifilm X-T50 stimmt da der Abstand zu den besseren Kameras nicht so wirklich, die Panasonic S5 II wurde zum Beispiel schon 2023 für ebenfalls 1.699 Euro verkauft, sie ist aber die leistungsfähigere Kamera. Zuletzt fand ich Panasonics Preise (insbesondere bei der S5 II) aber oft ziemlich fair, ich bin deshalb optimistisch, dass die Lumix S9 schnell Teil von Cashback-Aktionen wird und der Straßenpreis sinkt. Ist irgendwo ja auch ein taktisches Mittel, die UVP ein bisschen zu hoch anzusetzen, um dann schnell mit Rabatten werben zu können.

Mein Fazit

Ein Hot Shoe, eine Ankündigung für einen optionalen Aufstecksucher, Kopfhöreranschluss via USB-C-Adapter und eine Entwicklungsankündigung für eine “richtige” Pancake-Festbrennweite. Der Panasonic Lumix S9 fehlt nicht viel und sie hätte meiner Meinung nach für eine deutlich größere Zielgruppe eine richtig interessante Kamera sein können. Das grundsätzliche Konzept der Kamera gefällt mir nämlich: Kompaktes Modell für unterwegs, immer dabei, raus gehen, Spaß haben.

Trotz der Schwachstellen kann ich mir vorstellen, dass sich die Lumix S9 gut verkaufen wird und dass Panasonic bei einer potenziellen Lumix S9 Mark II in einigen Jahren aus den Fehlern der 1. Generation lernen wird. Auch jetzt schon empfinde ich die Lumix S9 für bestimmte Anwendungsfälle aber als gelungene Kamera. Die Kombination aus einem solch kompakten Gehäuse und einem Vollformatsensor findet man einfach nicht allzu häufig.

Was ist eure Meinung zur Panasonic Lumix S9?

Mark Göpferich

Gründer von Photografix, der sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue von Fotografie und Kameras begeistern lässt. Mit mehr als 5.000 Artikeln hier auf Photografix inzwischen so etwas wie ein Experte für neue Kameras.