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Meinung: Diese “KI-Kamera” bringt mich um den Verstand

Es gibt so Momente, da ist man mit seiner Meinung so alleine, dass man sich irgendwann fragen muss: Liege ich vielleicht doch falsch? Fehlt mir ein Baustein zum Verständnis, den ich schlichtweg übersehe?

So geht es mir, wenn ich die überwiegend positiven Meldungen vieler eigentlich von mir geschätzter Kollegen zu einer aktuellen Crowdfunding-Kampagne lese.

Camera Intelligence hat mit Caira ein Kamera-Upgrade vorgestellt, die sich per MagSafe an iPhones befestigen lässt. Das Gerät verfügt über einen Micro-Four-Thirds-Sensor und ein Bajonett für Wechselobjektive. Kommt euch bekannt vor? Kein Wunder, klingt nämlich genau nach der Prämisse der Alice Camera, die vom gleichen Unternehmen 2024 mit einiger Verspätung auf den Markt gebracht wurde.

Seitdem hat sich das 2020 gegründete Start-up mit Sitz in London und New York als Camera Intelligence umfirmiert und eine Finanzierungsrunde von 1,7 Millionen Euro abgeschlossen. Der Wandel ist komplett: Selbst die Internet-Adresse alice.camera leitet inzwischen auf die noch laufende Kickstarter-Kampagne der “neuen” Kamera Caira.

“Neu” in Anführungszeichen, weil man die Innovation wirklich mit der Lupe suchen muss, am Ende aber doch nicht fündig wird. In einem identisch aussehenden Gehäuse ist ein MFT-Bajonett zu finden, über das ihr Objektive von Herstellern wie Olympus und Panasonic nutzen könnt. Ein 5.000-mAh-Akku ist in das Gehäuse integriert und verlängert die Laufzeit, erhöht aber auch das Gewicht. Die Bedienung erfolgt über eine iPhone-App, das Kameragehäuse besitzt lediglich einen Auslöser, einen Mikrofoneingang und einen USB-C-Anschluss zum Laden.

“Mit Caira bringen wir nicht nur eine neue Kamera auf den Markt, sondern stellen einen neuen, intelligenten kreativen Partner vor. Kreative brauchen mehr als nur eine hervorragende Bildqualität – sie brauchen Geschwindigkeit, Flexibilität und Werkzeuge, die mit ihrer Vorstellungskraft Schritt halten können. Durch die direkte Integration von Nano Banana in Caira brechen wir traditionelle Workflows zur Erstellung von Inhalten auf und wollen die Art und Weise, wie Kreative unsere Welt festhalten, bearbeiten und teilen, grundlegend verändern.”
Vishal Kumar, CEO von Camera Intelligence (maschinell übersetzt)

Die eigentliche Idee: Caira – bzw. die Smartphone-App – nutzt Googles neustes “Nano Banana” getauftes KI-Modell für Bildbearbeitungen in Echtzeit. Per Textbefehl könnt ihr Änderungen vornehmen: Tageszeiten umwandeln, Farben von Kleidung anpassen oder Objekte wie Schmuck hinzufügen. Das System soll Änderungen an Hautfarbe oder Gesichtsmerkmalen von Personen verhindern, zumindest untersagt Google das. Camera Intelligence hat nach eigenen Angaben aber zusätzliche ethische Richtlinien in Zusammenarbeit mit Fotografen entwickelt.

Ansonsten sind bei den Bearbeitungsmöglichkeiten durch Generative Editing praktisch keine Grenzen gesetzt:

Weil das ohnehin auf dem Smartphone passiert, gibt es zunächst ein Update für Nutzer der Alice Camera, die in der App KI-gestützte Bildbearbeitung freischaltet. Welchen Vorteil also jetzt Caira bietet, ist mir völlig schleierhaft. Und zudem erscheint mir das Geschäftsmodell nicht sonderlich zukunftssicher. Für die eigentlichen Bildbearbeitungsfunktionen zeichnet nicht Camera Intelligence verantwortlich, sondern Google – das Start-up integriert die KI-Technik nur nahtlos in die Fotografie-App. Wie ein Meisterwerk der User Experience wirkt die App allerdings nicht. Google ist sowieso dicht auf den Fersen und ist auch schon längst dabei, seine Fotos-App mit entsprechenden Neuerungen aufzuwerten.

Ist das noch Fotografie, fragen da sicherlich manche, und offensichtlich gibt es viele berechtigte Kritik an dem Fortschritt generativer KI. Verfechter wie Tony Northrup hingegen argumentieren, dass sie auch zuvor schon durch umfangreiche Nachbearbeitung das Bild vom Original entfernt haben. Was vorher Stunden und Fachwissen in Programmen wie Lightroom und Photoshop voraussetzte, passiere jetzt in Sekunden direkt auf dem Smartphone.

Ich möchte dem etwas widersprechen, denn während die KI-manipulierten Bilder vielleicht immer mehr Ähnlichkeit mit dem Ursprungsfoto haben, werden sie eben trotzdem von Grund auf neu generiert, was einem völlig anderen Ansatz als dem gezielten Einsatz von Bearbeitungswerkzeugen entspricht. Eine interessante Mischung sind indes Tools wie das Generative Füllen von Photoshop.

Immerhin: Camera Intelligence könnte seine App als Plattform für KI-Modelle abseits von Google ausbauen, wäre dazu vielleicht sogar gezwungen, wenn Google seine Modelle plötzlich abstellen würde. Denn die Fähigkeit zur Bildmanipulation hat der Suchmaschinenriese nicht gepachtet, Konkurrenz gibt es etwa von OpenAI oder Black Forest Labs. Doch auch dann bliebe die Frage nach der Monetarisierung: Jede Anfrage an ein KI-Modell über die Cloud verbraucht Ressourcen und damit bares Geld. Camera Intelligence gewährt bei Unterstützung der Kampagne (ab 695 Dollar) sechs Monate kostenlose Nutzung, darüber hinaus kostet der Caira Pro genannte Tarif 7 Dollar pro Monat. Für Nano Banana habe man sich entschieden, weil es noch am meisten Konsistenz zum Eingabebild zeige.

“Wir haben uns intensiv mit dieser Technologie auseinandergesetzt, bevor wir sie unseren Kunden angeboten haben. Trotz der Skepsis gegenüber generativer KI sind wir der Meinung, dass Fotografen keine Angst davor haben sollten. Eine durchdachte Integration dieser Technologie kann sehr hilfreich sein. Wir haben uns für Nano Banana von Google entschieden, weil es das beste Modell ist, das wir kennen, um konsistente Charakterdetails beizubehalten und neue Bearbeitungen nahtlos zu integrieren, während die optische Qualität des Originalbildes erhalten bleibt. Auch seine One-Shot-Bearbeitungsfunktion ist außergewöhnlich und liefert häufig perfekte Ergebnisse in einem einzigen Durchgang ohne unerwünschte Halluzinationen. Es fühlt sich wirklich wie Zauberei an.”
Vishal Kumar, CEO von Camera Intelligence (maschinell übersetzt)

Für immer kostenlos soll dafür immerhin die Sprachsteuerung sein, mit der sich die Kamera per Stimme bedienen lässt, wie Gründer Vishal Kumar im Ankündigungsvideo demonstriert. Ich könnte mir vorstellen, dass hierfür tatsächlich die lokalen Rechenkapazitäten des verbauten Snapdragon-Chips ausgenutzt werden, ansonsten würde die Funktion für Camera Intelligence irgendwann zur Kostenfalle. Ansonsten wird die Rechenleistung benutzt, um Weißabgleich und Belichtung automatisch zu setzen und den Dynamikumfang zu verbessern. In Zukunft soll sie auch Bilder stapeln können, um schlechte Lichtverhältnisse auszugleichen.

Also: Bei mir hinterlässt Caira viele Fragezeichen. In meinen Augen ist das Produkt ein exzellentes Beispiel für den KI-Hype – anstatt sich auf das eigentliche Verkaufsargument zu stützen, nämlich MFT-Objektive an einem iPhone zu verwenden, was durchaus vielversprechend ist, kabelt man eher kopflos Künstliche Intelligenz an die Software. Stattdessen hätte man vielleicht an der Haptik des Gehäuses oder dem Autofokus feilen können. Aber diese Idee hätte im Jahre 2025 vermutlich keine Investorengelder oder mehr als 380.000 Euro an Crowdfunding einkassiert.

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Alfred Proksch

Ideen gibt es wie Sand am Meer! Meine Schwägerin hat als sie schwanger war Apfel mit Senf geliebt und verspeist. Hat sich das beim Rest der Familie durchgesetzt? NEIN

Das sich in Zukunft System Kamera und Smartphones besser „verstehen“ ist Pflicht, die Frage ist WIE der Auftrag umgesetzt wird. Wo der Grenzverlauf vom echten zum manipulierten Bild/Video verläuft, darüber wurde-wird heftig diskutiert.

Künstliche Intelligenz erzeugt Bilder/Videos, ja und? Im Urlaub möchte ich die neue Umgebung so aufzeichnen wie sie tatsächlich ist. Der „Promt-Künstler“ erschafft sich mit Hilfe von künstlicher Intelligenz neue Welten die seinen Vorstellungen entsprechen. Beides hat seine Daseinsberechtigung.

Schlussendlich entscheidet der Kunde an der Kasse wie gut ein Produkt tatsächlich ist!

Mirko

Schlussendlich entscheidet der Kunde an der Kasse wie gut ein Produkt tatsächlich ist!”

Den Anfang machten doch Sony und Olympus mit den sogenannten “Objektivkameras” und sind damit “baden” gegangen. Natürlich lässt sich Fortschritt nicht aufhalten aber dennoch ist es (mal wieder) nur aufgewärmter Kakao ☕️

joe

Mirko, Du hast Marktwirtschaft verstanden! Genau so ist es, ob es uns gefällt oder nicht!👍

Mirko

Es gibt einige Wörter die ich nicht mehr hören kann, zB. Start-Up oder Experte oder ….😉

Leonhard

Ideen gibt es wie Sand am Meer! Meine Schwägerin hat als sie schwanger war Apfel mit Senf geliebt und verspeist. Hat sich das beim Rest der Familie durchgesetzt? NEIN”

Was hat sich dann in der Familie nicht durchgesetzt, lieber Alfred: Apfel mit Senf oder schwanger sein?

Alfred Proksch

So genau lässt sich das hinterher nicht mehr feststellen, hätten die beim zweiten statt dessen einen Apfel mit Senf gegessen wäre uns das Mistvieh von Nichte erspart geblieben, der ältere Neffe ist ein Genie geworden.

Komisch – der Überlieferung nach wurden wir wegen einem Apfel aus dem Paradies vertrieben MAC sollte ein anderes Logo verwenden – noch dazu wo das Teil schon angebissen ist!

Mirko

Wie, bist Du etwa schon wieder schwanger 😳 Ganz viele liebe Einhörner von mir ❤️🦄🦄

Leonhard

Hast wohl Hoffnung, dass meinereiner in Mutterschutz geht und hier deshalb eine Schreibpause einlegt?

Nee nee, mein Gutschder, daraus wird nichts, kannste in der Pfeife rauchen.

@ Alfred: Meinereiner wartet auf das neue Äpfelchen für Pferdegesichter, den sogenannten Pferdeapfel. Hat eine neue Frontpanzerglaslinse, damit selbst bei A….gesichtern wie dem von meinereiner die Linse nicht platzt.

Dann stellt sich meinereiner im Internet zur Schau und Euch bleiben meine Weisheiten erspart, also tüchtig Druck bei Apple aufbauen, damit das Ding endlich geliefert wird.

Hätte auch was hier zum Thema geschrieben,aber bei so einem Schwachfugsprodukt fällt meinereiner leider nichts zu ein, kaum zu glauben, was einige Leute zu brauchen meinen!

Uneternal

Was die als wahnsinnige Neuerung bewerben mache ich bereits auf einem Google Pixel für lau. Da kann ich auch meine Canon Fotos reinladen und sie von K.I. bearbeiten lassen. “Bearbeite das Foto professionell” bringt durchaus gute Ergebnisse.

Meine Meinung ist dass solche K.I. Sachen auch in normale Kameras früher oder später einziehen werden. Ich finde nur das Geschäftsmodell, dass man was kauft aber dann irgendwann nicht mehr alle Funktionen nutzen kann, wenn man kein Abo abschließt, irgendwie nicht so geil.

A.B.84

‘Da kann ich auch meine Canon Fotos reinladen und sie von K.I. bearbeiten lassen. “Bearbeite das Foto professionell” bringt durchaus gute Ergebnisse.’

Jetzt ergibt dein Kommentar über das Sonnenfoto durchaus Sinn… 🙃

Mark

Das sehe ich auch so – am Ende findet ja der ganze KI Teil irgendwo in einem
Rechenzentrum statt, so dass ich nicht sehe warum man das so merkwürdig koppeln sollte an eine Kamera. In einem Funkloch oder ähnlichem klappt das ja auch nicht. Angenommen die haben jetzt ein besonders tolles Interface zur der KI erstellt … Dann können die es ja auch als App, welche mit beliebigen Bilderquellen arbeitet anbieten. Erinnert mich ein wenig an sowas wie die Zeiss ZX1 – die Kamera als solches war ja top, aber hier war dann am Ende ein kleines Android Telefon in die Kamera fest verbaut mit Lightroom Mobile. Wirkt besten Falls für ein kurzes Zeitfenster wie eine gute Idee.

Ob man nun solch stark durch KI abgeänderte Bilder gut findet steht auf einem anderen Blatt. Positiv wenn überhaupt, dass es wohl immer mehr Menschen gibt die sich eine bessere Bildqualität wünschen und vom Smartphone kommen… Und abseits von der Software sind die Kameras der Handys in den kompaktem Maßen ausgereizt, so dass man um größere Objektive nicht mehr herumkommt… Diese Beulen für die Kamermodule wachsen ja konstant. Der Weg zum Kauf einer richtigen Kamera ist dann ja nicht mehr so weit.

licht12

Die “eingebaute” KI MUSS der Nutzer ja nicht verwenden, wenn er denn nicht möchte. Die Zukunft liegt aber m.E. hier auch in einem größeren (immerhin MFT)Sensor und Wechselobjkektiv für das Smartphone.

Wobei ein großer Sensor heutzutage auch und in vielen Fällen nicht mehr zwingend erforderlich ist (Ausnahmen bestätigen die Regel 😉

Ich finde die Entwicklung durchaus interessant, da wird die Reise wohl hingehen…

Ralph H

Ich verstehe die Logik dahinter auch nicht. Wozu brauche ich vorne am Smartphone ein möglichst großes Objektiv, wenn ich das Ergebnis nachher per KI berechnen lasse?
Ein echtes Foto kommt hinten sowieso nicht mehr raus.

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