Marktgeschehen Canon Nikon

Canon oder Nikon: Wer verfolgt die bessere Strategie?

Volle Konzentration auf spiegellose Systemkameras oder eine Mischung aus neuen DSLRs und DSLMs? Zwei Strategien im Vergleich.

Zwei Hersteller, zwei verschiedene Strategien?

Ich stelle hier mal eine These auf, die ich aus den Gerüchten und Entwicklungen der letzten Wochen und Monate ableite:

  1. Canon wird sich in den nächsten Jahren fast ausschließlich auf spiegellose Systemkameras konzentrieren. DSLRs spielen in Zukunft keine nennenswerte Rolle mehr beim Marktführer.
  2. Nikon wird einen anderen Weg einschlagen und auch den Bereich der DSLRs weiter pflegen und mit Neuheiten versorgen. Der Fokus liegt auch hier auf spiegellosen Systemkameras, aber weniger stark als bei Canon.

Wie gesagt: Das ist eine These. Ich weiß nicht, ob die Hersteller wirklich die beschriebenen Wege einschlagen werden – ich nehme es für diesen Artikel aber einfach mal an.

Völlig aus der Luft gegriffen ist die These allerdings nicht. Canon hat beispielsweise im Januar 2020 in einem Interview gesagt, dass (vorerst) keine neuen EF-Objektive mehr entwickelt werden, außerdem gab es im Juli 2020 konkrete Gerüchte, denen zufolge es für die Canon EOS 5D Mark IV (Canons vermutlich wichtigste Spiegelreflexkamera) keinen Nachfolger geben wird. Nikon hingegen arbeitet angeblich sowohl an neuen Spiegelreflexkameras als auch an neuen F-Mount-Objektiven, die im Jahr 2021 auf den Markt kommen sollen. Diese Gerüchte haben im November 2020 die Runde gemacht.

Canons Strategie

Vorteile

Der Markt entwickelt sich hin zu spiegellosen Systemkameras, der Fokus liegt auf dem Vollformat. Daran gibt es keine Zweifel. Ob das nun ein guter und sinnvoller Weg ist darf zwar hinterfragt werden, ändert am Ende des Tages aber nichts. Der Ball rollt inzwischen und ist nicht mehr aufzuhalten. Die nächsten Jahre gehören den spiegellosen Vollformatkameras.

Der Vorteil von Canons Strategie ist also klar: Man konzentriert sich konsequenter auf das Segment, dem die nächsten Jahre gehören werden. Kann mehr Zeit und Geld in die Entwicklung von neuen RF-Objektiven und EOS R Kameras investieren, was am Ende innerhalb des Segments vermutlich einen Vorsprung gegenüber Nikon bedeutet.

Nachteile

Nicht jeder will mit einer DSLM fotografieren und die Spiegelreflexkamera hat auch heute noch absolut ihre Daseinsberechtigung, wie auch unser großer Vergleich zwischen Systemkamera und Spiegelreflex zeigt. Außerdem sind wir weit entfernt davon, dass die Verkaufszahlen von DSLMs insgesamt besser ausfallen als die von DSLRs. Das zeigen beispielsweise diese Daten, denen zufolge Canon und Nikon im Jahr 2019 deutlich mehr Spiegelreflexkameras als Systemkameras verkauft haben.

Canons Fokus auf DSLMs könnte also dazu führen, dass man zumindest einige der eigenen Kunden, die nach wie vor mit einer DSLR fotografieren wollen, vergrault.

Nikons Strategie

Vorteile

Nikon würde mit der in der These beschriebenen Strategie beide Kundengruppen etwas besser pflegen. Die DSLR ist noch lange nicht tot und wenn man als DSLR-Fotograf von Nikon weiterhin hier und da mit neuen Produkten versorgt wird, wird man dem Hersteller sicherlich treu bleiben. Und sollte man irgendwann doch wechselwillig sein, dann ist vermutlich auch Nikon das erste Unternehmen, bei dem man sich nach einer spiegellosen Systemkamera umschaut. Schließlich hat man sich in den letzten Jahren gut aufgehoben gefühlt.

Nachteil

Es gehen bei der Entwicklung von neuen Spiegelreflexkameras und F-Mount-Objektiven Ressourcen verloren, die man eigentlich im spiegellosen Sektor einsetzen könnte. So wird es schwer für Nikon, sich einen technologischen Vorsprung zu erarbeiten. Das Unternehmen könnte so im Laufe der nächsten Jahre ins Hintertreffen geraten, was den Sprung zurück in die Gewinnzone ohne Frage erschweren würde.

Fazit

Beide Strategien hätten ihre Vor- und Nachteile und der Blick in die Glaskugel gestaltet sich recht schwierig.

Ich persönlich würde es begrüßen, wenn in den nächsten Jahren noch die ein oder andere neue Spiegelreflexkamera auf den Markt kommen würde. Die müssen nicht mit irgendwelchen spektakulären Alleinstellungsmerkmalen überzeugen. Ich finde Nikon hat das bei der D780, bei der viel Technik von der Z6 übernommen wurde, eigentlich klug gemacht. Hier gefällt mir also Nikons Strategie besser.

Was ich allerdings nicht begrüßen würde, ist die Entwicklung von neuen DSLR-Objektiven. Es gibt genug EF- und F-Mount-Objektive, da muss ab sofort einfach mit dem gearbeitet werden, was da ist. Da halte ich es für viel wichtiger, dass das RF-Bajonett bzw. das Z-Bajonett so schnell wie möglich ausgebaut werden. Canon und Nikon haben sich für den Weg eines neuen Bajonetts entschieden, dann müssen sie den jetzt auch so konsequent wie möglich durchziehen. In diesem Punkt sagt mir Canons Strategie mehr zu.

Wie seht ihr das? Welchen Weg würdet ihr einschlagen, wenn ihr an Canons oder Nikons Stelle wärt?

Tags
Mark Göpferich

Mark Göpferich

Gründer von Photografix und freiberuflicher Redakteur, der sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue von Fotografie und Kameras begeistern lässt. Mit rund 4.000 Artikeln hier auf Photografix inzwischen so etwas wie ein Experte für neue Kameras.

guest
56 Kommentare
älteste
neueste
Feedback
Zeige alle Kommentare