Kameras Canon

Canons größter Fehler bei der EOS R5 war das Marketing

Canon hat mit der EOS R5 eine fantastische Kamera geliefert und trotzdem für viele negative Schlagzeilen gesorgt. Das hätte man vermeiden können.

Tests zur Canon EOS R5 mit ähnlichen Fazits

In den letzten Tagen haben zahlreiche Fotografen und Magazine ihre Testberichte zur Canon EOS R5 veröffentlicht. Die meisten Berichte kommen dabei zu einem sehr ähnlichen Fazit: Die EOS R5 ist eine fantastische Kamera für Fotografen, im Video-Bereich gibt es aber in der Praxis (zu) viele Einschränkungen und Limitierungen.

Klar, hierbei wird natürlich vor allem auf die Überhitzungen und die langen Abkühlzeiten bei 4K- und 8K-Videos angespielt, wobei ich persönlich keinen Bericht gelesen habe, in dem sich die Tester darüber beschweren, dass sie nicht stundenlang 8K-Videos ohne Überhitzung aufnehmen können. Um 8K-Videos geht es nicht, es geht um High-Quality 4K-Videos – also die Auflösung, die viele Profis gerne für ihre Videos verwenden würden, es wegen der Überhitzungen aber nur in einem eingeschränkten Zeitraum können.

Nein, die Canon EOS R5 ist keine Fotokamera!

Unter unseren Artikeln zur EOS R5 und in meinem E-Mail-Postfach habe ich so einige Nachrichten gefunden, die – mal auf freundliche, mal auf weniger freundliche Weise – darauf aufmerksam gemacht haben, dass die Canon EOS R5 ja eine FOTOKAMERA ist. Und dass die ganze Aufregung mit den Überhitzungen völlig übertrieben sei, weil die EOS R5 zum Fotografieren und nicht zum Filmen gedacht ist.

An dieser Stelle muss ich einfach mal ganz klar und deutlich festhalten, dass die Canon EOS R5 eben KEINE Fotokamera ist. Klassische Fotokameras gibt es schon lange nicht mehr, jede Kamera ist in der heutigen Zeit eine Hybrid-Kamera, mit der man fotografieren und filmen kann. Das mag nicht jedem gefallen, aber das ist einfach der Stand der Dinge.

Nun gibt es natürlich Kameras, die den Fokus stärker auf den einen oder den anderen Bereich legen. Die Sony A7s III beispielsweise legt den Fokus stärker auf den Video-Bereich. Könnte man also sagen, dass der Fokus der Canon EOS R5 auf dem Foto-Bereich liegt?

Schauen wir uns dazu mal einige offiziellen Aussagen von Canon zur EOS R5 an:

“On the set of high-end productions such as commercials, dramas and documentaries, the EOS R5 is an ideal partner to the likes of Canon’s brand-new EOS C300 Mark III.”

“Last month we revealed specs confirming that we have achieved the ‘impossible’ with the EOS R5. Today, we go one step further in showing we are challenging the market and showcasing our unparalleled strength – revealing the camera will offer video recording capabilities unseen in any other mirrorless camera. With its ability to record in cinema industry-standard formats and codecs, the EOS R5 is an ideal lead camera for many productions but also, given its compatibility with cinema workflows, the camera will shoot comfortably on high-end production sets.”

“Created as a direct response to growing demand for content creators to shoot both high-quality film and stills, the EOS R5 holds its own as the lead camera in productions – going over and above industry standards and achieving outstanding 8K.”

Canon hat den Mund zu voll genommen

Canon spricht im ersten Zitat davon, dass die EOS R5 bei High-End-Produktionen von Werbespots, Dramen und Dokumentationen der ideale Partner neben der brandneuen Cinema-Kamera EOS C300 Mark III sei. Im zweiten Zitat geht Canon noch weiter und bezeichnet die EOS R5 als “ideale Hauptkamera” für zahlreiche Produktionen und High-End-Production-Sets. High-End-Production-Sets im Video-Bereich wohlgemerkt – nicht im Foto-Bereich.

Und da wundern sich manche, warum die Canon EOS R5 von einigen nicht als reine Fotokamera betrachtet wird?

Schon in den Wochen und Monaten vor der offiziellen Präsentation der R5 hat Canon ja immer wieder hauptsächlich über die unglaublichen Video-Spezifikationen gesprochen, die “keine andere spiegellose Kamera auf dem Markt zu bieten hat”. Bei solchen Aussagen baut sich bei Profis, die regelmäßig mit DSLMs von Panasonic und Sony filmen, eben eine gewisse Erwartungshaltung auf, das ist doch völlig klar.

Dieser Erwartungshaltung im Video-Bereich, die Canon selbst ganz bewusst aufgebaut hat, konnte die Canon EOS R5 am Ende einfach nicht gerecht werden. Das muss man leider so deutlich sagen. Versteht mich nicht falsch, die Canon EOS R5 ist sicherlich eine sehr gute Videokamera. Aber ist sie besser und vor allem zuverlässiger als eine Panasonic S1H oder eine Sony A7s III, so wie es Canons offizielle Aussagen vermuten lassen? Sicher nicht.

Wenn ich Canon gewesen wäre, dann hätte ich im Vorfeld einfach den Ball ein bisschen flacher gehalten. Hätte mal ein bisschen was über den besten IBIS aller Vollformat-DSLMs erzählt, mal etwas über den beeindruckenden neuen Sensor, mal etwas über den neuen Autofokus. Die “8K-Bombe” hätte ich einfach erst bei der offiziellen Präsentation platzen lassen. Dann hätte ich gleich und nicht erst nach einigen Tagen auf die Überhitzungen und die zeitlichen Limitierungen aufmerksam gemacht. Transparenz kommt bei Kunden immer gut an. Ich bin mir sicher, dass es dann bei Weitem nicht so viele negative Schlagzeilen zur Canon EOS R5 gegeben hätte, wie das jetzt der Fall war.

Somit kann ich persönlich nur sagen: Hervorragende Kamera von Canon, gleichzeitig aber ein ziemlich schwaches Marketing. Canon wäre meiner Meinung nach besser damit beraten gewesen, die Canon EOS R5 als “Fotokamera mit tollen Videofunktionen” zu vermarkten.

Mark Göpferich

Gründer von Photografix und freiberuflicher Redakteur, der sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue von Fotografie und Kameras begeistern lässt. Mit mehr als 3.300 Artikeln hier auf Photografix inzwischen so etwas wie ein Experte für neue Kameras.

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