Smartphones & Apps

Diese kostenlose Android-App fotografiert bewusst ohne KI-Tricks

Ein Designstudio aus Tokio bringt seine erste Kamera-App für Android. Sie verzichtet bewusst auf jede rechnerische Bildverschönerung.

Nuevo.Tokyo hat unter seiner Marke VWFNDR die erste fertige Software veröffentlicht. VWFNDR + MBL, kurz für “Viewfinder Mobile”, ist eine kostenlose Kamera-App für Android, die euer Smartphone bewusst wie eine klassische Kamera arbeiten lässt. Statt auf KI-gestützte Bildaufbereitung setzt sie auf unbearbeitete Aufnahmen im Bayer-RAW-Format.

Bayer-RAW für rohe Fotos

MBL nimmt parallel ein RAW-DNG mit bis zu 16 Bit und ein JPEG auf. “Bayer-RAW” meint dabei die rohen Sensordaten, bevor sie zu einem fertigen Farbbild zusammengerechnet werden. Jeder Bildpunkt sitzt hinter einem roten, grünen oder blauen Farbfilter, und genau dieses Rohmaterial gibt euch die App über die RAW-Schnittstelle von Android heraus.

Ganz unberührt ist das Bild aber auch hier nicht. So gut wie alle aktuellen Hauptkamera-Sensoren fassen je nach Licht schon auf Hardware-Ebene mehrere Pixel zusammen, bevor eine App überhaupt zugreifen kann. Deshalb nennt VWFNDR im Datenblatt rund 12 Megapixel als effektive Auflösung und räumt offen ein, nur begrenzten Einfluss darauf zu haben, was im Kameramodul selbst passiert.

Auf die heute übliche Computational Photography (gerade Google treibt das bei den Pixel-Smartphones ja auf die Spitze), also das automatische Verrechnen mehrerer Aufnahmen zu einem Bild, verzichtet MBL komplett. Es gibt kein Stacking, kein Tone Mapping und keine automatische Rauschunterdrückung. Ihr seht also den ungeschönten Output des Sensors, samt über- oder unterbelichteter Stellen.

Die Bedienung bündelt VWFNDR auf einem einzigen Bildschirm. Belichtungszeit von 8 Sekunden bis 1/16000, ISO bis 51.200, Fokus und Belichtungskorrektur lassen sich manuell einstellen, dazu kommen Programm-, Zeit- und Vollautomatik. Per Wischgeste wechselt ihr zwischen sechs klassischen Seitenverhältnissen von 1:1 bis 2:1, die frei sortierbare Oberfläche passt sich dabei an.

Echtheit lässt sich nicht beweisen, Herkunft schon

Jedes Foto bekommt beim Auslösen sogenannte Content Credentials mit auf den Weg. Das ist ein offener Standard der Initiative C2PA, der Informationen zur Herkunft und zu späteren Bearbeitungen direkt in die Bilddatei schreibt. Bei MBL wird so vermerkt, dass eine Aufnahme aus einer echten Kamera stammt und nicht aus einem Bildgenerator. Zur Prüfung bietet das Studio auch eine eigene Webseite an unter verify.vwfndr.camera.

Einen handfesten Echtheitsbeweis liefert das aber nicht. Dieselbe Technik kennzeichnet auch KI-Bilder als KI-generiert, es geht also um nachvollziehbare Herkunft statt um ein Echtheitssiegel. Manipulationen sollen erkennbar werden, vollständig fälschungssicher ist das System bislang nicht. Wie weit der Standard insgesamt ist, haben wir uns hier genauer angeschaut. Nach eigenen Angaben ist VWFNDR weltweit erst das vierte Unternehmen mit einer C2PA-Zertifizierung der Stufe 2 und nach Google das zweite, das die Credentials auch für DNG-Dateien unterstützt. Chapeau, es geht also!

Noch nur Hauptkamera unterstützt

Eine große Einschränkung gibt es schon jetzt: MBL greift nur auf die Hauptkamera auf der Rückseite zu, Ultraweitwinkel, Tele und Frontkamera bleiben außen vor. In den Antworten auf erste Nutzerbewertungen kündigt VWFNDR aber an, einen Wechsel zwischen den Linsen nachzureichen, womit dann auch Zoom möglich wäre. Das Feedback im Play Store fällt bislang überwiegend positiv aus, gelobt werden vor allem die aufgeräumte Bedienung und der schnelle Formatwechsel.

Bekannt wurde das Studio 2023 mit der Panorama-Konzeptkamera Keirin, über die wir damals berichtet haben. Daraus wurde kein Serienprodukt, der Anspruch ist aber geblieben. MBL versteht VWFNDR ausdrücklich als Software-Fundament für eine geplante Kompaktkamera, zu der noch dieses Jahr mehr Infos folgen sollen.

Die App läuft ab Android 10 und ist im Google Play Store komplett kostenlos, ohne Werbung, In-App-Käufe oder Abo. Vorerst bleibt es bei Android, eine iOS-Version ist nicht angekündigt.

Mit der Grundidee steht MBL aber nicht allein. Auf dem iPhone verfolgt der Process-Zero-Modus der beliebten App Halide einen sehr ähnlichen Ansatz und verzichtet bewusst auf KI und Nachbearbeitung. “Echte Fotografie muss in den Händen der Menschen bleiben”, schreibt VWFNDR und reiht sich damit in einen kleinen Gegentrend zur immer stärker rechnenden Smartphone-Fotografie ein.

via: PetaPixel

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9 Kommentare
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Alfred Proksch

Etwas Neues zum Spielen ist da! Immerhin lenkt die App eventuell vielleicht die Sucht-Gamer ab. Der Vorteil ist das diese Handy Idioten wenigstens in Ausschnitten über die Kamera ihre Umwelt wahrnehmen! Frust abgelassen – alle gut und OK.

Ansonsten finde ich den Ansatz nicht schlecht. Ein Smartphone mit Kamera besitzt wirklich jeder. Billionen von Bildern landen jedes Jahr in der Cloud. Wenn nur ein Prozent davon „bewusst selbst“ gemacht wurden wäre das ein Fortschritt.

Trainspotter_Brenzbahn

Oha, jeder anständige Fotograf hat heutzutage ein Fotohandy in der Tasche und schaut durchs Display so, wie er es auch bei seiner Systemkamera tut. 
Ich als Babyboomer habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt, mit dem Smartphone zu fotografieren. Der Auslöser über die Lautstärke-Tasten fühlt sich dabei fast an wie der klassische Auslöser oben an der Kamera.
Die Bilder bearbeite ich anschließend ganz normal am PC mit meiner Fotosoftware – genau so, wie ich sie haben möchte.
Auf mein generalüberholtes, gebrauchtes Google Pixel 8 Pro möchte ich jedenfalls nicht mehr verzichten. Wenn ich damit in deinen Augen ein Idiot bin – alles gut und okay. 😜👋🏻
Bernd, BT-Soft.de

Vitalik

Eigentlich ein Freund, vom normalen Diskussionen.
Aber erbärmlich leider deine Herabsetzung, gegenüber dem fast ALLEN Menschen.

Wir Fotografen sind auch nur Menschen. Und nicht ansatzweise Stück besser als ohne Kamera oder gar Smartphone Fotografen.

Wie kommt deine Fehlimformation zu stande?
Nutzt du immer noch Nokia 3310?

Aktuell Smartphones sind ziemlich gut. Besonders aktuell seit 2 Jahren die Smartphones aus China.

Tatsächlich dort findet seit Jahren bessere Forschung in Sachen Kameras.
Wirtschaftlich wesentlich besser als die Kamera Branche.
Viel mehr Kundschaft und alle 2-4 Jahren erneuert so ziemlich jeder.

Verständlich das Menschen lieber etwas mehr bewusster mit Kameras fotografieren, dennoch…

Die BESTE Kamera ist IMMER NOCH die man mit sich trägt!

Rüdiger

Letztlich kann die App nur nutzen, was das Smartphone über die entsprechende Kamera-API anbietet und das ist meist schon weniger, als die Smartphone-Native Kamera-App anbietet. Deren Pro/Raw/Whatever Modus dürfte also das gleiche Ergebnis ab Werk liefern.

Hauptargumente für die App wären also, dass sie kostenlos ist und die UI hoffentlich gerade richtig reduziert um gescheit fotografieren zu können. Ich werde sie mal testen.

Rüdiger

In einem ersten Test sieht die UI sehr gut aus, allerdings kann ich bei meinem P30 Pro nur EV +/-2 und Fokus schrittweise manuell einstellen.

Belichtungszeit und ISO bleiben im Auto-Modus.

Mein größtest Problem ist aber die Dateiablage – die gemachten Fotos sind nirgendwo zu finden.

Trainspotter_Brenzbahn

Die App ist ein Technologie-Rückschritt! Das Thema RAW ist bei der Handy-Fotografie seit Jahren passé. 🥱

Uneternal

Richtig, und genau das ist es ja mit Absicht. Wenn du Fotos mit dem Handy machst, hast du immer Prozessing im Hintergrund, also das Handy entscheidet für dich die “korrekte” Belichtung, die “korrekten” Farben, die “korrekte” Schärfe. Sogar DNGs enthalten diese Bearbeitung. Deswegen benutzen viele Jugendliche heute wieder Kameras aus den 2000ern, weil sie einfach den Look bevorzugen, bei dem vielleicht mal nicht alles perfekt aussieht, sondern die Höhen übersteuert sind oder Tiefen abgesoffen. Um einfach aus der Masse der perfekten Fotos herauszustechen.

Uneternal

App runtergeladen und für gut befunden, endlich bekomme ich mal ein ordentliches RAW aus dem Pixel, ohne die ganzen heimlichen Bearbeitungen im Hintergrund wie zusammengerechnete Belichtungsreihen. Das Interface ist extrem gut, Formatwahl einfach durch Wischen in die gewünschte Größe. Einziger Nachteil, es gibt wie bei einer Filmkamera keine Rückschau. Um die Fotos anzuschauen, muss man in die Galerie wechseln.

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