Marktgeschehen

Klassische Fotokameras & die Bedeutung von Videos: Ein paar Gedanken

Ein paar Gedanken zur guten alten “reinen” Fotokamera, schrumpfenden Märkten und der Wichtigkeit des Video-Segments für die Kamerahersteller.

Sony ZV-1 verkauft sich gut

Ich habe gerade zwei Artikel bei Nikkei Asia und sonyalpharumors.com gelesen, die im Grunde nicht wirklich spannend sind. Es geht dabei um Sonys neuste Kompaktkamera ZV-1, die sich ja unter anderem an Vlogger und Videografen richtet. Laut Sony sollen in Japan bisher doppelt so viele Bestellungen für die ZV-1 eingegangen sein, wie ursprünglich prognostiziert. Natürlich beschönigen die Hersteller solche Zahlen gerne mal, ganz klar. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass sich die ZV-1 bisher tatsächlich ziemlich gut verkauft hat.

Ebenfalls interessant ist, wie sich bei Sony in den letzten 23 Jahren die einzelnen Bereiche des Unternehmens entwickelt haben:

Quelle: Nikkei Asia

Der Elektronik-Bereich, zu dem selbstverständlich auch Kameras zählen, ist in dieser Zeit stark geschrumpft, andere Segmente wie Videospiele, Filme oder Musik hingegen nehmen eine immer wichtigere Rolle ein. Die elektronischen Geräte könnten in Zukunft also eher dazu dienen, die boomenden Bereiche zu unterstützen. Das ist bei anderen Unternehmen ganz ähnlich. Soweit ich weiß hat Apple beispielsweise in den letzten Jahren den Gewinn nicht primär mit höheren Verkaufszahlen von iPhones und iPads gesteigert, sondern durch einen Ausbau der ganzen Dienstleistungen rund um die eigentlichen Produkte. Apple Music, Apple TV+, Apple Pay, Apple Arcade – da gibt es inzwischen jede Menge Dienstleistungen und Services, die Apple viel Geld einbringen.

Überhaupt bieten inzwischen viele Unternehmen Abo-Dienste an, das kennt man auch aus dem Bereich der Bildbearbeitung von Lightroom und anderen Anbietern. Da könnte man grundsätzlich mal Überlegungen anstellen, inwiefern die Kamerahersteller rund um ihre Produkte ebenfalls sinnvolle Dienste anbieten und etablieren könnten. Nein, ich bin auch kein Fan von Abo-Geschichten. Aber Fakt ist nun mal, dass sowas für viele Unternehmen verdammt gut funktioniert.

Die klassische Fotokamera ist tot

Doch ich schweife ab. Primär drehten sich meine Gedanken eigentlich darum, dass sich die Kamerahersteller immer stärker auf den Videobereich konzentrieren. Das zeigen nicht nur gute Verkaufszahlen der Sony ZV-1, das untermauern auch die Aussagen von JIP, sich mit Olympus in Zukunft stärker auf den Videobereich konzentrieren zu wollen. Oder Neuheiten wie die Panasonic S5, die explizit als Kamera für “Content Creater” beworben wird. Auch Fujifilm und Nikon, Unternehmen, die vor einigen Jahren nicht unbedingt für gute Video-Funktionen bekannt waren, haben zuletzt im Video-Bereich mächtig aufgeholt und nachgerüstet.

Die Erkenntnis aus dieser Entwicklung ist simpel: Die klassische Fotokamera, die völlig ohne Video-Schnickschnack auskommt, ist tot. Ist sie im Grunde schon seit Jahren.

Ich weiß, dass viele in der Community das bedauern. Schließlich möchte nicht jeder filmen, manche wollen einfach nur die Fotofunktionen einer Kamera nutzen, müssen die Videofunktionen aber mitbezahlen. Könnten da die Kamerahersteller nicht einfach mal wieder eine reine Fotokamera auf den Markt bringen und damit genau diese Zielgruppe ansprechen?

Nein, können sie nicht. Bzw. theoretisch könnten sie schon, aber es würde sich für sie nicht lohnen – sonst würden sie es ja machen. Am Ende des Tages hat das schon einen Grund, warum zum Beispiel eine Nikon Df nie ein Nachfolger erhalten hat. Man mag da manchmal so seine Zweifel haben, aber bei Canon, Nikon und Sony sitzen dann doch ein paar fähige Leute, die genau wissen, warum sie welche Produkte auf den Markt bringen – oder eben nicht auf den Markt bringen.

Leica ist einer der ganz wenigen Hersteller, der noch reine Fotokameras im Angebot hat. Aber das lässt sich Leica natürlich auch extrem gut bezahlen. Der Grundgedanke, dass man die Videofunktionen bei einer reinen Fotokamera nicht mitbezahlen muss und eine etwas günstigere Kamera erwerben kann, greift hier also überhaupt nicht. Vielmehr muss man das doppelte und dreifache bezahlen, weil Leica natürlich nur geringe Stückzahlen verkauft, aber trotzdem Gewinn erwirtschaften möchte.

Wenn Canon jetzt eine reine Fotokamera auf den Markt bringen würde, dann wäre das eine Kamera, die rein technisch mit Sicherheit auch in der Lage wäre, Videos aufzuzeichnen. Canon wird ja für ein solches Nischenprodukt keine separate Hardware entwickeln. Da stecken die gleichen Sensoren und die gleichen Prozessoren drin wie in den anderen Kameras auch. Auch eine eigene Software bzw. Firmware würde man sicherlich nicht entwickeln. Das einzige was Canon tun könnte, wäre die Videofunktionen über die Software quasi zu deaktivieren. Aber wäre das dann eine Kamera, die in der Entwicklung oder Produktion deutlich weniger gekostet hätte? Könnte die Kamera dann zu einem günstigeren Preis verkauft werden? Nicht wirklich. Sicherlich lässt sich hier und da ein bisschen was sparen, aber das wird den Kohl nicht fett machen und schlussendlich lohnt es sich für die Hersteller mehr, eine Kamera mit Videofunktionen auf den Markt zu bringen.

Wir müssen uns also damit anfreunden, dass es in Zukunft (fast) keine reinen Fotokameras mehr geben wird, dazu ist der Videobereich für die Hersteller viel zu wichtig geworden, während gleichzeitig die gesamte Kamerabranche enorm geschrumpft ist. Der Trend geht also – wie auch beim Smartphone – hin zu wenigen Produkten, die alles können. Natürlich wird es immer auch Produkte für Spezialisten geben, aber die werden kaum nachgefragt und sind somit extrem teuer und für die breite Masse uninteressant.

Das waren meine Gedanken von heute, lasst mir gerne eure Meinungen in den Kommentaren da!

Mark Göpferich

Gründer von Photografix und freiberuflicher Redakteur, der sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue von Fotografie und Kameras begeistern lässt. Mit mehr als 3.300 Artikeln hier auf Photografix inzwischen so etwas wie ein Experte für neue Kameras.

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