Canon Kameras

Report: Führt Canon die Überhitzungen der EOS R5 künstlich herbei?

Es entsteht mehr und mehr der Verdacht, dass Canon die Überhitzungen der EOS R5 künstlich herbeiführt. Ein ausführlicher Report.

Künstliche Einschränkungen bei Kameras

Magic Lantern dürfte den meisten von euch wahrscheinlich ein Begriff sein. Magic Lantern war und ist eine Firmwareerweiterung für bestimmte Canon Kameras, die softwareseitig vor allem die Videofunktionen von bestimmten Kameras erweitert hat. Zu den unterstützen Modellen gehörten zum Beispiel die Canon EOS 5D Mark III oder die Canon EOS 6D, für aktuellere Canon Modelle ist Magic Lantern nicht mehr verfügbar.

Magic Lantern hat schon vor Jahren eines eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Aus vielen Kameras lässt sich eigentlich deutlich mehr herausholen – und zwar nur über eine Anpassung der Software. Doch die Hersteller wollen eben nicht immer das Maximum aus ihren Kameras herausholen, ganz im Gegenteil. Schließlich sollen sich die Kunden alle paar Jahre eine neue Kamera kaufen. Oder sie sollen für bestimmte Funktionen mehr Geld bezahlen.

Bis zu einem gewissen Punkt kann man die Gedanken hinter dieser Vorgehensweise natürlich nachvollziehen, am Ende des Tages wollen und müssen die Kamerahersteller einfach Geld verdienen. Und natürlich kann eine Mittelklassekamera nicht genauso gut sein wie eine teure Profikamera. Bei mir persönlich endet das Verständnis aber, wenn ich das Gefühl habe, dass mich ein Hersteller bewusst an der Nase herumführen will.

Damit wären wir bei der Canon EOS R5.

Überhitzungen bei der Canon EOS R5

Über die Überhitzungen bei der Canon EOS R5 haben wir in den letzten Wochen bereits mehrfach berichtet. Hier eine Auswahl unserer Artikel:

In den letzten ein bis zwei Wochen wurden jede Menge neue Erkenntnisse zu diesem Thema gewonnen, die ich in diesem Artikel übersichtlich aufbereiten und mit meiner persönlichen Meinung garnieren möchte.

Worum geht es eigentlich?

Kurz zusammengefasst: Wenn man mit der Canon EOS R5 Videos in hoher Qualität (8K, 4K 120/60 fps, 4K 30 fps mit Oversampling) aufnimmt, überhitzt die Kamera nach einer bestimmten Zeit und muss relativ lange auskühlen, bis sie wieder einsatzbereit ist. Anschließend reduziert sich die maximale Aufnahmedauer und die nächste Überhitzung tritt zu einem früheren Zeitpunkt erneut ein.

Ok, und wo ist das Problem?

Beim ersten Betrachten gibt es eigentlich gar kein Problem. Die Canon EOS R5 ist eine Kamera mit einem kompakten und wetterfesten Gehäuse, dass da beim Aufnehmen von 8K-Videos früher oder später Überhitzungen auftreten, das ist eigentlich selbstverständlich. Zudem muss man im Hinterkopf behalten, dass die R5 keine reine Videokamera, sondern eine Hybrid-Kamera ist.

Warum also schlägt dieses ganze Thema so große Wellen?

Ich sehe dafür, wie auch schon in diesem Artikel ausführlich beschrieben, mehrere Gründe:

  1. Canon hat in den Wochen vor der offiziellen Präsentation immer wieder über die bahnbrechenden Videofunktionen der Canon EOS R5 und nur wenig über die Fotofunktionen gesprochen. Folge: Extrem hohe Erwartungshaltung von Videografen.
  2. Canon bewirbt die Canon EOS R5 als „ideale Hauptkamera“ für professionelle Videoproduktionen. Einsatzgebiet: Werbespots, Dramen und Dokumentationen. (Quelle)
  3. Canon hat die Limitierungen der Canon EOS R5 zu Beginn nicht klar kommuniziert und tut es teilweise heute noch nicht.

Auf den dritten Punkt möchte ich im Folgenden etwas genauer eingehen.

Canon ignoriert das Thema weitestgehend

Ja, in der Zwischenzeit hat Canon gegenüber verschiedenen Magazinen bestätigt, dass es Limitierungen bei den Aufnahmezeiten von High-Quality-Videos gibt. Auch wurde diesen Magazinen gegenüber klar kommuniziert, wann man bei welcher Auflösung mit Überhitzungen rechnen kann, wie lange die EOS R5 zum Auskühlen braucht und wie lange man im Anschluss erneut filmen kann. Canons offizielle Angabe könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

Jeder Leser von Photografix sollte inzwischen mitbekommen haben, dass es bei der Canon EOS R5 irgendwelche Probleme mit Überhitzungen gibt – und ich weiß, dass das Thema einigen schon zu den Ohren rauskommt.

Doch jetzt nehmen wir mal an, jemand ist nicht Leser von Photografix. Und liest auch sonst kaum Kamera News im Netz. Soll ja vorkommen. Dass Canon jetzt eine richtig interessante neue Vollformat-DSLM im Angebot hat, hat dieser jemand aber mitbekommen. Er interessiert sich für die R5, weil er gerne fotografiert und filmt und will sich genauer über die Kamera informieren. Wo macht man das? Klar, zuerst mal auf der offiziellen Canon Webseite.

In der offiziellen Pressemitteilung zur Canon EOS R5? Kein Hinweis auf die Überhitzungen und Limitierungen.

In der Liste der vollständigen Spezifikationen? Ein kurzer Hinweis ganz am Ende der Seite in Fußnote 8: “Ist die interne Kameratemperatur zu hoch, wird die maximale Aufnahmezeit reduziert.”

Im offiziellen Benutzerhandbuch? Auf Seite 922 (!) zwei kleine Sternchen mit folgendem Hinweis:

Ja, mag sein, dass ich in meiner etwa einstündigen Recherche irgendwo auf der Unterseite der Unterseite in der Fußnote des Sternchens noch einen weiteren Hinweis übersehen habe. Aber tiefer als ich gräbt ein normaler Nutzer ganz sicher nicht, schon gar weil er ja nicht bewusst nach Infos zum Thema Überhitzung sucht.

Okay, Hand aufs Herz: Würdet ihr euch anhand der beiden kleinen Hinweise, so ihr sie denn überhaupt entdeckt habt, irgendwelche Sorgen machen? Würdet ihr denken, dass die maximale Aufnahmezeit von High-Quality-Videos auf wenige Minuten oder sogar 0 Minuten sinken kann, wenn ihr vorher ein bisschen fotografiert habt? Nein? Ich auch nicht.

Trotzdem kann genau dieser Fall eintreten, siehe zum Beispiel Quelle 1, Quelle 2 und Quelle 3.

Okay, man kann Canon also vorwerfen, dass sie nicht ausreichend auf die Limitierungen der Canon EOS R5 hinweisen. Vielleicht hätten sie auch ihr Marketing ein bisschen anpassen und den Ball im Videobereich etwas flacher halten können. Trotzdem: Dass eine so kompakte Kamera wie die R5 Probleme mit Hitzeentwicklung bei Videoaufzeichnungen hat, das ist doch absolut klar – oder etwa nicht?

Die Hitzeprobleme existieren eigentlich gar nicht

Ursprünglich hat man das gedacht, ja. Doch inzwischen zeichnet sich immer mehr ab, dass die Canon EOS R5 eigentlich überhaupt kein Hitzeproblem hat und dass theoretisch deutlich längere Aufnahmezeiten mit der Kamera möglich wären.

Damit wären wir nun bei den eingangs erwähnten neuen Informationen und Erkenntnissen angekommen.

R5 überhitzt beim Fotografieren im Kühlschrank

Schauen wir uns zunächst einmal den Test von der Webseite EOSHD an. Andrew Reid von EOSHD hat in den letzten Wochen sehr intensiv über die Thematik berichtet und sein Test sieht folgendermaßen aus:

  • Die Canon EOS R5 liegt in seinem Kühlschrank, die Außentemperatur beträgt 4 Grad Celsius.
  • Pro Minute wird ein Foto geschossen (JPEG), insgesamt 60 Fotos, eine Stunde lang.
  • Die interne Temperatur der Canon EOS R5 wird über die EXIF-Daten ausgelesen und beträgt konstante 34 Grad Celsius.
  • Das Ergebnis nach einer Stunde, wenn man in den 8K-Videomodus wechselt: Kamera überhitzt. Verbleibende Aufnahmezeit: 0 Minuten.

Nein, das ist leider kein Witz.

Entfernen von Mini-Batterie ermöglicht weitere Videoaufnahmen

Nächster Test, diesmal zu finden auf der Webseite Baidu. Dort wird die interne Temperatur der Canon EOS R5 mit einem Infrarotthermometer gemessen. Nachdem ein 20 Minuten langes 8K-Video aufgenommen wurde und sich die Kamera wegen Überhitzung abgeschaltet hat, betrug die interne Temperatur 64 Grad Celsius. Das ist für moderne Hardware eigentlich ein Klacks, die kann teilweise mit konstanten 90+ Grad Celsius umgehen.

Nach nur zwei Minuten Wartezeit zeigt das Infrarotthermometer eine interne Temperatur von fast schon kühlen 30 Grad. Trotzdem muss man mehr als eine Stunde warten, bis wieder ein 20 Minuten langes 8K-Video aufgezeichnet werden kann.

Und jetzt wird es richtig interessant: Wenn man die kleine Mini-Batterie im Inneren der EOS R5 entfernt, die unter anderem die Einstellungen, Datum, Uhrzeit usw. speichert, wird die Wartezeit wegen Überhitzung zurückgesetzt und man kann ohne Probleme sofort ein weiteres 8K-Video aufnehmen, ohne dass die Temperatur im Inneren der Kamera die bereits genannten 64 Grad überschreiten würde.

Überhitzungen hängen nicht mit der internen Temperatur zusammen

Das bedeutet, dass die zeitlichen Limitierungen überhaupt nicht direkt mit der internen Temperatur der Kamera zusammenhängen. Normalerweise würde man ja denken, dass die R5 die Temperatur im Inneren misst und sobald eine gewisse Temperatur überschritten ist, wird die Warnung ausgegeben und die Kamera schaltet sich ab. Das würde Sinn ergeben. Anschließend muss dann gewartet werden, bis eine bestimmte Temperatur unterschritten wird, erst dann kann es weitergehen.

Doch wenn Canon nach diesem System vorgehen würde, dann müsste die R5 ja auch nach dem Herausnehmen der kleinen Batterie und dem kompletten Reset der Kamera die interne Temperatur messen und erkennen, dass mehr Zeit zum Auskühlen benötigt wird. Das ist aber nicht der Fall.

Ein komplettes Auseinanderbauen der R5 hat auch schon gezeigt, dass der Prozessor – also der Teil der Kamera, der am heißesten wird – überhaupt nicht richtig mit Wärmeleitpaste bedeckt ist, was grundsätzlich für eine bessere Kühlung der Kamera sorgen würde. Doch wozu soll Canon die EOS R5 besser kühlen, wenn die Kamera eigentlich gar kein Hitzeproblem hat?

Verdacht: Canon führt die Überhitzungen gezielt herbei

All diese Hinweise und Tests lassen – ich drück mich an dieser Stelle bewusst vorsichtig aus – den Verdacht entstehen, dass die Aufnahmezeiten der Canon EOS R5 künstlich von Canon unter dem Vorwand einer Überhitzung beschränkt werden. Sollte das der Fall sein, was sich trotz der Tests und Hinweise natürlich nicht eindeutig beweisen lässt, dann wäre das das Paradebeispiel für einen Fall, bei dem ich mich von einem Hersteller an der Nase herumgeführt fühle.

Warum Canon das tun sollte? Naja, da wären wir wieder beim Anfang des Artikels und Magic Lantern. Canon will unter Umständen gar nicht, dass die Canon EOS R5 eine professionelle Videokamera ist. Also klar, also solche beworben wird sie natürlich schon, schließlich sollen die Kunden sie ja kaufen. Um dann nach einiger Zeit zu merken, dass sie im Videobereich eben doch mit Einschränkungen verbunden ist. Und zwar Einschränkungen, die man im ersten Moment gerne übersehen kann und die Canon nicht klar in der Liste der Spezifikationen kommunizieren muss, wie das zum Beispiel bei Video-Auflösungen oder einem Crop-Faktor der Fall wäre.

Aber keine Sorge, liebe Videoprofis, die die Canon EOS R5 gekauft haben und nicht vollends zufrieden sind. Canon hat da eine Lösung für euch. Im Herbst werden nämlich die ersten Cinema Kameras mit RF-Bajonett auf den Markt kommen, das ist in der Szene inzwischen allgemein bekannt. Zufall? Möglich. In jedem Fall könnt ihr euch im Herbst zusätzlich zur R5 noch eine Cinema-Kamera kaufen und all eure Probleme sind gelöst.

Ist die Firmware noch nicht ausgereift?

Alternativ wäre es denkbar, dass die Software der Canon EOS R5 einfach noch nicht richtig ausgereift ist. Vielleicht hätten die Softwareentwickler nach den Ausfallzeiten während der Coronakrise noch mehr Zeit benötigt, um die Firmware richtig zu optimieren. Die “geplanten” Abschaltzeiten der EOS R5 könnten einfach eine Vorsichtsmaßnahme sein, um die Hardware zu schützen, bis man die Software richtig optimiert hat. Aber falls das der Fall ist, warum wird das dann nicht einfach kommuniziert?

Ein Firmwareupdate soll ja angeblich relativ bald erscheinen, da kann man nur hoffen, dass damit die Aufnahmezeiten spürbar verlängert werden. Alternativ wird in der Szene bereits eifrig nach Möglichkeiten gesucht, wie man die (künstlichen?) Einschränkungen bei Videos unkompliziert aufheben kann. Eine erste Lösung stellt beispielsweise Matt Granger in seinem neusten Video vor.

Schlusswort

Eine zeitliche Beschränkung von 20 Minuten bei internen 8K-Videos? Überhaupt kein Problem.

0 Minuten verbleibende Aufnahmezeit, nachdem in einer Stunde 60 JPEGs bei 4 Grad Außentemperatur geschossen wurden? Sehr wohl ein Problem.

Die Canon EOS R5 ist eine fantastische Kamera, die nur knapp 4.400 Euro kostet. Bei diesem Preis erwarte ich keineswegs, dass ich eine professionelle Videokamera ohne irgendwelche Einschränkungen erhalte. Dass Canon kleine Limitierungen einbaut, ist vollkommen in Ordnung. Aber dann sollen sie das auch offen und ehrlich kommunizieren und nicht unter dem Deckmantel von Überhitzungen verstecken. Und falls es sich hier nicht um ein bewusstes Verstecken handelt, dann müssen sie schnellstmöglich die unausgereifte Firmware optimieren. Denn inzwischen haben verschiedene Tests gezeigt, dass die “Überhitzungen” der Canon EOS R5 eben nicht mit einer zu hohen Temperatur im Inneren der Kamera zusammenhängen, wie man normalerweise vermuten würde. Womit im Übrigen auch bereits vorgestellte externe Lüfter weitestgehend nutzlos sein sollten.


Update 27.08.2020: Inzwischen hat Canon via Firmwareupdate die Aufnahmezeiten der Canon EOS R5 verlängert, weitere Infos dazu findet ihr hier.

Mark Göpferich

Gründer von Photografix und freiberuflicher Redakteur, der sich seit vielen Jahren immer wieder aufs Neue von Fotografie und Kameras begeistern lässt. Mit mehr als 3.300 Artikeln hier auf Photografix inzwischen so etwas wie ein Experte für neue Kameras.

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